Generationsunterschiede im Arbeitsalltag – Realität oder reine Einbildung?

Baby Boomer, Millennials, Generation XYZ und wie sie auch immer alle heißen mögen. Generationsunterschiede sind uns insbesondere familiär bekannt; in der Wirtschaft jedoch hat man ihnen ebenfalls eine wichtige Rolle zugeschrieben. Die Theorie der Generationsunterschiede in der Arbeitswelt beruht darauf, dass prägende Ereignisse in jungen Jahren ganze Generationen beeinflussen1. Bei der Generation X (Jahrgang 1965-1980) sollen es eine Mischung aus der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, dem Mauerfall und den Auswirkungen der AIDS-Pandemie gewesen sein und bei Generation Y (Jahrgang 1980-1994) der Internet Boom, die Terroranschläge von 2001 und die voranschreitende Globalisierung. Doch führen historische Ereignisse wirklich zu verallgemeinerbaren Charakteristika ganzer Altersklassen? Wie definieren sich diese Altersklassen? Und worin bestehen die angeblich offensichtlichen Unterschiede?

GENERATIONSUNTERSCHIEDE DEFINITION:

Klar ist, noch nie haben so viele unterschiedliche Generationen in einem Unternehmen zusammengearbeitet wie heute. Man spricht von Fünf-Generationen-Betrieben2. Doch was ist eine Generation genau? Eine Generation wird als „eine Gruppe von Personen, die im gleichen sozialen und historischen Kontext geboren und aufgewachsen ist“ definiert3. Dabei kennzeichnet sich jede Generation durch spezifische, persönliche Werte sowie Verhaltensweisen und Arbeitseinstellungen4.

Gemäß dieser Definition klingt es logisch, dass sich Personen aus verschiedenen Altersklassen fundamental unterscheiden – historisch sowie sozialpolitisch bedingt. Die Meinungen von Soziolog:innen, Politiker:innen und Psycholog:innen spaltet sich jedoch an diesem Punkt. Für viele ist es klar: Es zeichnen sich eindeutige Generationsunterschiede ab. Für die anderen existieren diese Unterschiede nur, um wirtschaftlichen Profit daraus zu ziehen5. Außerdem muss kurz vorab gesagt werden, dass auch die Klassifizierung der Jahrgänge nicht immer einheitlich ist – unterschiedliche Theorien haben oft unterschiedliche Ansichten über die genauen Abgrenzungen der Generationen.

Hier wollen wir beide Seiten beleuchten und schauen, wie man mit den (eventuell vorhandenen) Unterschieden im Arbeitsalltag umgehen sollte.

DIE BABY BOOMER GENERATION:6 7

Zu der Baby Boomer Generation gehören alle die zwischen 1945 und 1964 geboren wurden. Die Zugehörigen dieser Altersklasse beschreibt man meist als kunden- sowie zukunftsorientiert, sehr optimistisch und loyal. Ihnen werden Eigenschaften der Workaholics zugeschrieben, die selten ihre Festanstellung wechseln, da Beständigkeit und Loyalität bei ihnen großgeschrieben werden. Außerdem sind sie sehr bedacht auf familiäre Sicherheit. Baby Boomer werden, aufgrund ihres Alters, als technisch-konservativ beschrieben, die am liebsten doch auf Stift und Papier anstatt auf die Cloud zurückgreifen.

GENERATION X (1964-1980):8 9

Die Gen X hingegen ist genau mit diesem technischen Wandel aufgewachsen und ist sehr viel digitalisierter und flexibler in der Nutzung moderner Medien unterwegs als die Baby Boomer. Außerdem werden sie als sehr unabhängig, kreativ, lebensfroh und selbstständig beschrieben. Weiterhin sagt man, Angehörige der Generation X würden mehr Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance legen und sie seien weniger loyal ihrer Arbeitgebenden gegenüber – mehrere Jobwechsel scheinen hier keine Seltenheit mehr zu sein.

WAS BEDEUTET GENERATION Y UND Z? 10 11

Die Jahrgänge nach der Generation X werden als Gen Y und Gen Z betitelt. Insbesondere bei diesen Jahrgängen scheiden sich die Geister über die exakten Jahreszahlen. Manche sagen, die Gen Y beinhalte alle Jahrgänge seit 1980, andere wiederum behaupten, nach 1994 käme die Gen Z12.

WELCHE JAHRGÄNGE SIND MILLENNIALS?

Die Generation Y (hier: 1980-1994) wird ebenfalls als „Millennials“ betitelt. Man beschreibt sie als besonders Technik affin und multitaskingfähig. Außerdem seien sie extrem ehrgeizig, neugierig, weltoffen und unabhängig. Angehörige der Gen Y langweilen sich schnell und wechseln daher sehr leichtfüßig ihre Festanstellungen. Da sie mit den Sozialen Medien aufgewachsen sind, fordern sie außerdem eine unmittelbare Kommunikation und direktes Feedback – Kommunikation muss gradlinig und einfach sein. So wird ebenfalls die Work-Life-Balance bei ihnen gestärkt.

GENERATION Z (1994-2012):13

Die Nachfolgegeneration der Millennials bringt wiederum neue Eigenschaften und Ansichten mit sich. Man beschreibt sie als „Digital Natives“ – sie kennen sich ausnahmslos am besten mit den modernen Technologien aus. Internet, Smartphones, Laptops, Smartwatches – alles Dinge, die sie im Schlaf bedienen können. All die Dinge, die nicht nur intuitiv in den Alltag gehören (denn die waren ja schon immer da), sondern diesen ebenso beherrschen. Die Gen Z wird als erste Generation beschrieben, die keine klassische Work-Life-Balance und steile Karrieren anstrebt. Sie fordern eine Work-Life-Separation – eine klare Trennung von Arbeitsalltag und Freizeit. Ihnen geht es hauptsächlich um die eigene freie Entfaltung; hinter den Idealen zu stehen, die das Unternehmen verkörpert; die Zukunftsangst zu bewältigen. Sie sind meist im Wohlstand ihrer Eltern großgeworden und sind sich schmerzhaft dessen bewusst, dass der bekannte Lebensstandard und eine freie Entfaltung mit viel Freizeit selten ins finanzielle Gleichgewicht zu bringen sind.

GEGENPOSITION: GENERATIONSUNTERSCHIEDE BILDEN WIR UNS EIN!

So viele Unterstützer:innen die Theorie der Generationsunterschiede auch hat, genauso viele Gegner:innen hat sie auch. Der Leipziger Arbeitspsychologe Prof. Hannes Zacher vertritt beispielsweise die Ansicht: „Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass es Generationen mit unterschiedlichen Werten, Einstellungen und Verhaltensweisen gibt“14. Zacher beschreibt, dass die Theorie der Generationsunterschiede eine Erfindung der Industrie sei, um den wirtschaftlichen Profit zu steigern. Um die angeblichen Unterschiede zu erklären und zu lernen, mit ihnen umzugehen, werden unzählige Bücher und Workshops verkauft – es gibt sogar ganze Beratungsunternehmen, die sich darauf spezialisiert haben. Doch wessen Ansichten sind hier richtig?

Zacher beschreibt weiterhin, dass sich die Meinungen über die exakten Jahreszahlen der Generationen stark unterscheiden15. Wenn die Unterschiede doch so klar zu erkennen seien – so Zacher – wieso sei es dann nicht auch klar, wann solch eine Generation anfängt und wann sie aufhört. Gäbe es eine Erklärung dazu, wieso sich manche für 1980 und andere für 1975 entscheiden, sähe die Sache vielleicht anders aus; diese Erklärung existiert jedoch nicht.

Außerdem beschreibt Zacher, dass Unterschiede ein ganz natürlicher Prozess im Laufe des Alters sind16. Er erklärt, dass die zunehmende Digitalisierung in Kombination mit einem wachsenden Alter zu natürlichen Differenzen zwischen Generationen führt17. Die definierten Charakteristika der Generationen seien daher rein vorurteilsbehaftet und existieren nur, da Menschen von Natur aus gerne kategorisieren.

Auch der Soziologe Martin Schröder vertritt Zachers Ansichten18 19. Laut einer Studie von Schröder seien keine erkennbaren Unterschiede zwischen den Generationen aufgefallen. Menschen haben historisch bedingt schon immer das Bedürfnis gehabt, der Jugend neue Eigenschaften zuzuordnen – es scheint ein menschliches Bedürfnis zu sein20. Wer kennt den Spruch der Großeltern nicht: „Früher war alles besser“ oder „die Jugend ist so verweichlicht, bei uns herrschten damals noch andere Zeiten“.

Was jedoch über die Jahre hinweg zu beobachten war, ist, dass sich die Einstellung der gesamten Gesellschaft verändert hat. Mit der Zeit etablierte sich beispielsweise eine liberalere Weltansicht, welche damals, zu Zeiten unserer Großeltern, noch nicht denkbar war. Dies ist laut Schröder jedoch nicht rein an der nachfolgenden Generation auszumachen, sondern wie gesagt an der veränderten Gesamteinstellung der Gesellschaft.

Schröder betont, dass die auffallenden Unterschiede nicht an den Einstellungen der jeweiligen Generation liegen, sondern allgemein am Altersunterschied. Mit 15 hat man noch andere Ansichten als mit 40 oder 70 Jahren. Jedoch beschreibt Schröder ebenfalls, dass zu dem Zeitpunkt als die ältere Generation sich im Alter der jüngeren befand, ziemlich ähnliche Einstellungen vorhanden waren – diese wurden jedoch über die Jahre verdrängt. Er vertritt die Ansicht: „Das Ausrufen der Generationen ist eine Art Business geworden“ und die Theorie an sich habe keine wissenschaftliche Grundlage21.

Es bleibt also weiterhin jedem selbst überlassen, woran er die Unterschiede festmacht. Klar ist jedoch, egal wo der Urspruch dieser Differenzen liegt: sie existieren. Ob es nun an der Generation oder am Alter generell liegt, sei also dahingestellt. Für Unternehmen ist es jedoch wichtig, die Unterschiede zu kennen und sich dementsprechend zu verhalten.

GENERATIONSUNTERSCHIEDE – WAS HEISST DAS FÜR UNTERNEHMEN? 22 23 24 25

Unternehmen sollten sich darüber im Klaren sein, dass unterschiedliche Generationen auch unterschiedliche Arbeitseinstellungen mit sich bringen26. Vielleicht muss man sich bewusstwerden, dass sich aufeinanderprallende Altersklassen im Arbeitsalltag mit ihren Ansprüchen entgegenkommen müssen. So sagt man zum Beispiel, dass man Boomer mehr loben sollte, Gen X und Y sollte man ihre Freiräume und Kreativität lassen und Gen Y benötigt viel Zuneigung, Akzeptanz und Feedback. Bei Generation Z muss ein wenig Acht gegeben werden, da sie meist unzufrieden mit der Ist-Situation sind und hauptsächlich von der Zukunft träumen. Sind sie also gerade erneut unzufrieden, so wechseln sie schneller das Unternehmen, als sie gekommen sind. Meist sind sie jedoch mit Homeoffice und flexiblen Arbeitszeiten sowie einem zeitnahen Feierabend zufrieden zu stellen. Da sie oft nicht nach hochrangigen Schlüsselpositionen streben liegt ihnen viel daran, eine unbefristete Stelle zu bekommen, um sich unbeschwert eine klare Work-Life-Separation genehmigen zu können.

Führungskräfte sollten sich jedoch nicht zu sehr auf die herrschenden Unterschiede fokussieren, sondern lernen, ihren Nutzen aus dem Altersspektrum zu ziehen. Eine altersübergreifende Synergie fördert nämlich nicht nur das Commitment und die Loyalität der Mitarbeitenden, sondern steigert ebenfalls die allgemeine Produktivität. Man sollte sich bewusst sein, dass Diversity zu Missverständnissen führen kann; gleichermaßen jedoch auch zu unterschiedlichen und diversen Blickwinkeln, die einem neue Türen öffnen. Vielleicht sollte man also die Herkunft der Unterschiede beiseitelegen und anfangen, konstruktiv mit ihnen zu arbeiten.

QUELLEN

[1][6][18][19][21][22] https://www.deutschlandfunk.de/mythos-generationsunterschiede-alle-leute-veraendern-mit.676.de.html?dram:article_id=432410

[2][13][24][25][26] https://www.karriere.de/diversity-generationsunterschiede-verstehen/23044258.html

[3] Mannheim, K. (1953). Essays on sociology and social psychology. New York, NY: Oxford University Press.

[4][7][9][11] White, M. (2011). Rethinking generation gaps in the workplace: Focus on shared values. Abgerufen über https://www.kenan-flagler.unc.edu/executive-development/about/our-team/~/media/Files/documents/executive-development/rethinking-generation-gaps-in-the-workplace.pdf

[5][8][10][12][27] Whitney Gibson, J., Greenwood, R. A., & Murphy, E. F. (2011). Generational differences in the workplace: Personal values, behaviors, and popular beliefs. Journal of Diversity Management, 4, 1–8. doi.org/10.19030/jdm.v4i3.4959

[14] https://unternehmer.de/lexikon/online-marketing-lexikon/generation-z

[15][16][17] https://www.mdr.de/wissen/generationsunterschiede-sind-nur-vorurteile-100~amp.html

[20] https://blog.company-mood.de/generationsunterschiede-am-arbeitsplatz/

[23] https://www.uni-marburg.de/de/aktuelles/news/2018/generationsunterschiede-bilden-wir-uns-ein